Lake Shire

Schneeengel

Liebreizende Sirene,

erinnerst Du Dich noch, wie wir damals durch den Wald gerannt sind, und so getan haben, als würden wir Engel jagen? Wir sind immer wieder zu der Stelle gegangen, wo auch wir uns zum ersten Mal begegnet sind. In der Hoffnung, wir würden noch einmal das Diamantglitzern zwischen den Ästen sehen, und ein Geschöpf aus der Welt der Engel würde herausfallen. Wenn das Blütenmeer mit voller Buntheit tobte, sind wir mit dem Picknickkorb losgezogen. Sobald es kälter wurde und die Hügel unter der Sonne in Weißblau schimmerten, haben wir dicke Decken mitgenommen, damit die Engel nicht frieren mussten.

Ich habe es Dir nie erzählt, aber auch als wir älter wurden und aufgehört haben, nach den Engeln zu suchen, habe ich unseren Platz in den Wäldern noch häufig besucht. Besonders als wir uns nicht mehr jeden Tag gesehen haben, saß ich allein auf unserem Hügel, stellte mir vor, wie wir Geschichten zusammenspannen, während wir nach und nach den Proviant verputzten, der eigentlich für die geflügelten Neuankömmlinge gedacht war. An einem Wintermorgen, das Gras unter meinen Füßen war schon nicht mehr zu sehen, traf ich an eben dieser Stelle, weit entfernt von allen Straßen, auf unerwartete Gesellschaft. Er war schon dort, als ich ankam. Stand rührungslos auf einem Fleck und breitete die Arme weit auseinander, als wartete er darauf, von oben abgeholt zu werden. Seine Spuren verrieten, dass er von der anderen Seite des Flusses den weiten Weg bis dorthin gelaufen war.

Seine Worte werde ich nie vergessen. Denn die Wahrheit über Engel ist, dass sie nicht einfach weitermachen können, wenn ihre Aufgabe abgeschlossen ist. Wenn eine verlorene Seele nach ihnen ruft, bringen sie ihre ganze Kraft dafür auf, damit sie wieder glücklich wird. Doch sobald sie wieder lächelt und der Zauber in ihren Augen zurück ist, bedeutet das in den meisten Fällen auch, dass der Engel wieder gehen muss. Sein kleines Herz jedoch hat sich seinem Schützling bereits voll und ganz verschrien, und wenn der Moment des Abschieds gekommen ist, würde er nichts lieber sagen als ‚So lass mich doch bleiben!‘ – und dennoch schreitet er ohne eine Bitte hinfort. Wohlwissend, was ihm noch bevorsteht. Heimlich zurückblickend und denkend, was wäre, wenn er genauso sein würde wie wir. Und kein Engel. Seine letzte Reise führt ihn immer zu dem Ort zurück, an dem er zuerst unseren Boden berührt hat. Leise hoffend, dass sich das Tor nach Hause wieder öffnen würde. „Meine Flügel“, sagte er mir mit einer nie gesehenen Traurigkeit, die ihm aus den Augen schien und direkt aus seinem Herzen kletterte, „Sie sind weg. Ohne sie kann ich nicht mehr hinauf fliegen.“

Ich blieb eine Weile bei ihm. Doch weiß ich nicht, ob er meine Anwesenheit überhaupt noch wahrnahm. Sein Blick ging immer nur steil nach hoch oben zu den Wolken: Ohne noch irgendetwas zu sagen, ging ich wieder, weil ich wusste, dass ich nicht derjenige war, für den er so sehnsüchtig ausharrte. Noch bevor der nächste Morgen graute, kam ich zurück, nachdem mich vor Sorge kein Schlaf befallen hatte. Aber das Einzige, was ich noch vorfand, war ein Engelsbild, in die frisch gepuderte Kristalldecke gedrückt.

Und vielleicht machte der Himmel dieses Mal für ihn eine Ausnahme, dachte ich im Stillen.

Dein ewig Hoffnungsfroher
~ Velvet ~

schneeengel

Euphoria

Rudolf Junior

Es war einmal tiefer Winter und die Zwerge machten schon die Geschenke fertig. Eine Woche vor Heiligabend wurde die Frau von Rudolf schwanger. Sie freute sich sehr, aber wusste, dass es auch gefährlich war: Die Wölfe hatten nämlich besonders doll Hunger vor Heiligabend!

Der Weihnachtsmann wusste es. Deshalb sagte er zu den Zwergen: „Holt Rudolfs Frau!“

Zwanzig Zwerge rannten so schnell wie sie konnten. Als sie angekommen waren, merkten sie, dass etwas fehlte. Aber was nur? Der Schlitten! Ohne ihn konnten sie die Frau von Rudolf doch nicht in die Hütte bringen. Was machten sie bloß? Es wurde ja auch gleich Zeit fürs Abendessen. Doch zum Glück kam die Frau vom Weihnachtsmann, um den Schlitten zu bringen. Gerade rechtzeitig – denn die Wölfe waren schon sehr nah! Als sie zu Hause angekommen waren, kam der Weihnachtsmann und brachte Rudolfs Frau in den Stall. Es wurde Abend. Als alle schliefen, schlichen sich die Wölfe in die Hütte. Und entführten Rudolfs Frau.

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gez. Die Engel von Euphoria