„Ich dachte, du würdest für immer bleiben!“ hörte er sich rufen. Regungslos sah er mit an, wie sie mit seinem alten, besten Freund hinter der Tür verschwand. Die Tapete an den Wänden war grau und verblasst. Er wollte ihnen nachlaufen, doch konnte er nur seinen rechten Arm in ihre Richtung strecken. Seine Hand griff nach der Leere, die beide hinterlassen hatten. Den Tränen nahe, öffnete er die Augen. Jonathan brauchte einige Minuten, um zu begreifen, wo er sich befand. Im Bett liegend, blickte er auf die gerillten Holzwände mit ihren schwarzbraunen Flecken von der kleinen Ferienhütte, in der sie so viele Sommer und Winter zusammen verbracht hatten. Er lag genau an der Stelle, wo sie immer nächtelang miteinander getuschelt, sich gegenseitig Gruselgeschichten erzählt hatten und wo vor langer, langer Zeit ihre Liebe entflammt war.

Ein gemeinsames Porträt auf dem Nachttisch rechts von ihm erinnerte noch an glücklichere Tage. Er rollte sich zur Seite und robbte bis auf eine Daumenbreite an das Foto heran, auf dem sie sich beide eng umschlungen in den Armen lagen. Sie trug ein lila Sommerkleid und ihr Blick wanderte hoch zu ihm, während ihre Augen in der Sonne glänzten. „Maya“, war sein Versprechen, das er ihr an diesem Ort frühmorgens ins Ohr geflüstert hatte, „Für dich würde ich durch Welten wandeln.“ Lange hatte er überlegt, ob er ihr folgen sollte. Aber an einem blütenbunten Herbsttag, nach endlos vielen Stunden an ihrem Krankenbett, hatte er sie loslassen müssen. „Und versprich mir nur eins“, so ihr letzter Atemzug, „Dass ich dich nicht gleich wiedersehen werde. Wenn deine Zeit gekommen ist, werde ich drüben auf dich warten.“

Schwerfällig hangelte er sich die hüftbreite Wendeltreppe hinunter zum Kaminzimmer. Noch einige Winter zuvor hatten sie sich gegenseitig angestupst, wer denn nun aufstehen und Kaffee aufsetzen sollte. Ohne ihr warmes Lächeln war das Häuschen auf ihrer eigenen, verträumten Insel nur noch ein kalter, lebloser Klotz. Eigentlich hatte er diesen Ort für immer hinter sich lassen wollen. Die Hütte mit den großen Panoramafenstern, in der so viele schöne Erinnerungen schlummerten. Ein seltsamer Anruf und das Gefühl, diesen allerletzten Besuch schuldig zu sein, brachten ihn noch einmal zurück zum Hort seiner Kindheit. Als er auf der spiegelglatten Terrasse stand, sah er frische Fußspuren im Schnee, die vom Wald direkt zu seinem Haus führten. Zwei Abdrücke hatten sich tief und fest am Fenster neben der Veranda in die weiße Decke gepresst. Starr und wehmütig schaute er in die erfrorenen Wälder, in denen er als kleines Kind gespielt hatte und die ihn nun wieder zu locken schienen. Jonathan riegelte alles von außen ab. Nachdem er ein paar Schritte entfernt war, lief er noch einmal zurück zum Vordereingang und rüttelte zweimal kräftig an der Türklinke – ein Tick, den er von klein auf hatte.

Wie lange schon war er nicht mehr dort gewesen, dachte er sich, als er den vereisten Weg ins Ortsinnere langmarschierte. Den Hügel runter und vorbei an den wie an einer Schnur aufgefädelten Häusern mit ihren Backsteinfassaden und den eingeschneiten Dächern. Nur bei ganz wenigen dampfte noch Rauch aus den Schornsteinen. Auf seinem kompletten Marsch durch das Zentrum begegnete er keiner Sterbensseele. Vor einer weiter abgelegenen, heruntergekommenen Villa blieb er plötzlich stehen. Das Tor zum parkgroßen Anwesen stand sperrangelweit offen, ein paar Fenster in den unteren Etagen waren notdürftig mit Brettern versiegelt. Jonathan wunderte sich kurz, betrat aber dann entschlossen das Grundstück. Dabei dachte er immerzu an das Telefonat, das ihn überhaupt erst wieder dorthin zurückgebracht hatte. Der große Vorgarten sah so aus, als hätte ihn seit Jahren niemand mehr gepflegt. Er passierte den runden Steinbrunnen mit den beiden geflügelten Drachenskulpturen, vor denen er sich früher schon gefürchtet hatte. Über der breiten Eingangspforte, die Wind und Wetter gestrotzt hatte und mit derselben Imposanz wie immer vor ihm thronte, waren vier Worte dick und schwer in die Mauern eingehauen. Vier Worte, die für ihn eine halbe Ewigkeit lang die Welt bedeutet hatten. „Der Wärme und Hoffnung“; darunter stand klein, schmächtig und kaum noch lesbar: „Die Kinder von Haven Island“.

Das bloße Antippen genügte, um die mächtige, aus dickem Eichenholz gebaute Tür zum Nachgeben zu zwingen. Unter einem markerschütternden Kreischen trat Jonathan ins Innere. Das Foyer mit dem Schwarzweißmuster auf dem Boden war staubig und dunkel. Rechts und links gingen überall Räume ab. Ganz hinten schlängelte sich die mit prunkvollem Geländer verzierte Treppe vier Stockwerke hoch. Mit einem Schlag kamen die Bilder zurück, wie er als Halbstarker über den Flur gerannt war. Und ganz egal, ob es geregnet, gestürmt oder geschneit hatte, war er mit seinen beiden Freunden fast jeden Tag draußen gewesen. Er hatte schon lange nicht mehr an die Zwei gedacht. Marlin und Byron, als Kinder waren sie unzertrennlich gewesen. Immer nur zu Dritt unterwegs, hatten sie ihren eigenen, geheimen Platz in den Wäldern gehabt. Wo genau, daran konnte sich Jonathan nicht mehr erinnern. Auch nicht daran, was sie dort immer bis tief in den Abend getrieben hatten. Nur ein Mal, fiel ihm wieder ein, da war ihre Granny zum Versteck gekommen und hatte sie zurückholen müssen, weil die Nacht bereits angebrochen war. „Granny“, so nannten alle Kinder die robuste, alte Dame, der die Villa gehörte. Sie kümmerte sich um die Waisen und wusste immer ganz genau, wo sie sich aufhielten. Auch dann noch, wenn sie längst den Kinderstiefeln entwachsen und von Haven Island weggezogen waren.

Eine ganze Weile stand er dicht hinter der Türschwelle, ohne sich zu rühren. Er beugte sich vorsichtig nach links und schaute ins leere Empfangszimmer. Vor einigen Räumen fehlten die Türen. Nichts deutete darauf hin, dass noch irgendwo Leben zwischen Staub und schimmligen Wänden wohnte. Direkt zu seiner Rechten befand sich eine breite Holztür in Rotbraun mit verschnörkelter Klinke. „Salon“ war in Serifenschrift auf ein Bronzeschild in der Mitte graviert. Jonathan dachte an die vielen Abende vor dem Kamin, an denen ihre Granny häufig Schauermärchen erzählt hatte. Manche hatten von diesen Wäldern gehandelt. Die Leute aus dem Ort glaubten, dass es dort spukte, und dass ihre Seelen nach dem Tod als Geister weiterhin über ihr kleines Städtchen wachten.

Zu Jonathans Überraschung strahlte der alte Ruheraum immer noch in seinen lebendigen, hellen Farben. Alle Möbel standen an ihrem Platz, selbst der braune Ledersessel schien seit seinem Abschied nicht einen Millimeter bewegt worden zu sein. Im Kamin lag frisches Feuerholz, und fast war es so, als könnte er die Flammen in ihm knistern hören. Doch etwas war anders. Die Bilder rings um ihn zeigten alle nur ein Motiv. Immer nur das tiefe, dunkle Dickicht. Aus verschiedenen Perspektiven, auf einem waren die Bäume abgebildet, wie sie vom Fenster aus in seiner Hütte zu sehen waren. Darunter stand in großen, geschwungenen Buchstaben: „Fürchte nicht die Wälder!“

„Hast du gut hergefunden?“ drang es auf einmal vom Rücken der Sessellehne zu ihm durch. Jonathan kannte die Stimme genau. Er umlief den Ledersitz auf dem falschen Bärenfell und rief erstaunt: „Granny?“

„Mein Junge, wie schön, dass du mal wieder vorbeischaust!“ Sie sah noch genauso aus, wie er sie in Erinnerung behalten hatte. In ihrer ruhigen, unerschütterlichen Pose saß sie dort, beinahe so, als holte sie jeden Moment wieder ihr Buch heraus, um ein paar Zeilen daraus vorzulesen. Durch ihre runden Brillengläser blitzte sie ihn an. „Ich habe dich so lange schon nicht mehr gesehen“, sagte sie im warmen Tonfall, „Du weißt doch, dass ich mir immer Sorgen um meine Kinder mache.“

„Ja, Granny“, erwiderte er reumütig, „Es tut mir leid, dass ich dich nicht öfter besucht habe. Aber als du mich angerufen hast, bin ich sofort ins Auto gestiegen und losgefahren. Du hast so aufgeregt geklungen. Ist was Schlimmes passiert?“

„Ich habe etwas für dich. Etwas, das ich seit Jahren für dich aufgehoben habe. Seitdem wir den lieben Byron hier zusammen beerdigt haben.“

Sie holte einen weißen Umschlag hervor. Auf der Rückseite waren deutlich die Großbuchstaben NATHAN zu lesen. Während sie ihn übergab, meinte sie noch: „Ich habe auf den richtigen Moment gewartet. Und ich glaube, die Zeit ist reif.“

Das Kuvert war nicht zugeklebt. In ihm steckte ein von Hand verfasster Brief. „Lieber Nate“, konnte Jonathan seinen Freund fast sprechen hören, „Ich hoffe, es geht dir gut. Nach Marlies Unfall war ich jede Woche hier. Während ich sein Grab gepflegt habe, musste ich an unsere gemeinsamen Zeiten denken. Und ja, ich war auch Dutzende Male an unserem alten Platz im Wald und habe gehofft, dich dort vielleicht irgendwann zu treffen. Dass dich dein Herz zu der Richtigen geführt hat, erfüllt mich mit großer Wärme. Doch weiß ich aus eigenem Empfinden, dass – je näher du ihr bist – du mit jeder Sekunde ein bisschen mehr von dem vergisst, was du einst warst und immer sein wirst. Deshalb habe ich Granny diesen Brief gegeben. Damit du dich erinnerst.

Weißt du noch, wie wir früher immer ‚Engel‘ gespielt haben? Und wie wir im Kreis um die Steine standen, die wie eine Uhr aussahen? Wir haben so getan, als könnten wir damit die Zeit zurückdrehen. Wann immer irgendwas Böses passierte, wollten wir den Zeiger nach unten schieben.

Er steht immer noch oben auf der Zwölf, weil sich nie jemand von uns getraut hat, ihn zu bewegen. Doch wahrscheinlich hast du es auch gespürt – bei Marlie war es so. Solange wir Drei zusammen waren, spannte sich ein unsichtbares Band, das uns beschützte. Aber wenn wir getrennt sind, stürzen sich die grässlichsten Dämonen auf jeden Einzelnen von uns. Nachts hörst du sie flehen, jammern und keifen. Doch egal wie süßraspelnd ihre Zungen sind, greift immer schon eine ihrer Pranken aus fernen Welten nach der unseren. Jetzt, wo Marlin fort ist, haben wir nur noch uns beide. Und solltest du Sehnsucht nach mir verspüren, weißt du mit diesen Worten, dass ich hier auf dich warte – an unserer Stelle zwischen den drei Weißeichen, wo wir Waisen heute noch die Zeit hüten. – B.“

Er führte sich das Gesicht seines besten Freundes vor Augen. Wie er Jahr um Jahr ausgeharrt und auf ihn gewartet hatte. Um schließlich im Meer zu ertrinken, weil er für die Liebe heldenmutig ins Eiswasser gesprungen war. Nur wenige Monate davor hatte Marlin seinen Wagen außerhalb von Haven Island gegen einen Baum gelenkt. Die Beifahrerin war nur leicht verletzt worden – dank dem Fahrer, der sich kurz vor dem Aufprall noch abgeschnallt und schützend über sie geworfen hatte. Jonathan dachte zurück an Byrons Beerdigung. Damals hatte Maya noch ganz fest seine Hand umklammert. „Dein Leid“, das waren ihre Worte gewesen, „Soll zur Hälfte auch meine Bürde sein.“ Doch nun hatte er niemanden mehr, an dem er sich aufstützen konnte. Er war ganz allein.

Dort, wo seine Hände den Brief gehalten hatten, trug das Papier tiefe Falten. Mit hängendem Haupt und ohne noch ein einziges Wort zu sagen, drehte er Granny den Rücken zu. So sah er nicht, als er ging, wie sich ihr durchfurchtes Gesicht langsam zu schälen begann. Die Haut hing in Fetzen von den Wangen. Durch ihr breites Grinsen kamen die gelben, spitzen Zähne zum Vorschein. Und mit einem rauen Lachen rief sie ihm noch nach: „Fürchte nicht die Wälder!“

Das alles hatte Jonathan überhaupt nicht mehr wahrgenommen. In der Nacht quälten ihn schreckliche Albträume. Vom Sturm aufgewühlt, scharrten die Äste der umliegenden Bäume an seiner Hütte. Manchmal so heftig, dass es so klang, als bohrten sich riesige Monsterklauen ins pyramidenförmige Holzdach. Unruhig wälzte er sich hin und her. „Maya“, brabbelte er immer wieder. – „Mein Allerliebster“, säuselte ihre Stimme in seinen Ohren wie eine wunderschöne Sinfonie unter sternenklarem Himmelszelt, „Hüte dich vor bösen Geistern! Kehr‘ heim!“ Noch halb schlafend, schlug er die Lider auf. „Sofort!“ insistierte sie noch einmal mit Nachdruck.

Jonathan wankte die Treppe runter und wäre in der schmalen Kurve beinahe gestürzt. Unten angekommen, fiel sein Blick erschrocken zu den Gardinen vor der Terrassentür. Irgendetwas klopfte renitent gegen die Scheibe dahinter. Zuerst hatte er gedacht, das wären nur die Nachboten vom Unwetter. Doch der Morgen graute bereits. Die Wehen der Vornacht hatten sich gelegt. Langsam näherte er sich den Vorhängen. Er zog sie mit einem Ruck zurück und sah auf der anderen Seite der Tür seinen Freund Byron stehen, der quicklebendig schien und seine bleiche Visage so dicht wie möglich ans Glas drückte. „Komm‘ raus!“ konnte Jonathan von seinen Lippen ablesen. Nach kurzem Grübeln warf er sich seinen Wintermantel um und lief hinaus auf die Terrasse. Byron war schon vorgelaufen, direkt in die verschneiten Wälder. „Komm‘ schon“, frohlockte er, „Hab‘ keine Angst!“ Jonathan fiel wieder das Gemälde aus der Villa ein. Und der merkwürdige Spruch, der unter der Zeichnung stand. „Wo gehen wir hin?“ wollte er wissen.

„Das weißt du doch!“

Es war ein klarer Dezembermorgen. Noch drei Nächte bis Heiligabend. Das erste Weihnachtsfest seit langem, das er ohne sie verbrächte. Durch das Winterdach über seinem Kopf fielen warme Sonnenstrahlen. Leises Meeresrauschen rief aus der Ferne. Doch Byron führte Jonathan immer tiefer hinein ins flüsternde Unterholz. Als sie stoppten, erkannte er die Stelle sofort wieder. Drei kräftige Eichen umrahmten eine Steinformation, die am ehesten einer Sonnenuhr glich, nur dass der Zeiger nicht senkrecht zum Ziffernblatt am Boden stand, sondern als dreieckiges Gebilde mit der runden, massiven Steinplatte verschmolzen war. Die Spitze des Dreiecks war in einer Rille eingehakt, die einen Halbkreis nach unten zog. Mit genügend Kraftaufwand würde man den Uhrzeiger vielleicht wie einen Hebel von der Zwölf, wo er gerade stand, hinunter zur Sechs schieben können.

Einige Minuten lang schwiegen beide. Dann lief Byron zur Steinskulptur, stellte sich demonstrativ daneben und fragte: „Willst du sie wiedersehen?“

Für Jonathan gab es nur eine einzige Antwort darauf. Ohne seine Maya war er nur ein Schatten seiner selbst, ein Geist wie sein Freund, der sich nach längst vergangenen Tagen zurücksehnte. „Doch wir wissen nicht wirklich“, stammelte er nur wenig überzeugend, während er der Steinuhr mit den kryptischen Symbolen immer näher kam, „Was passiert, wenn man den Zeiger bewegt.“

„Was hat diese Welt für uns schon getan? Sieh mich an, wenn ich noch könnte, würde ich selbst die Möglichkeit nutzen. Wie jeder andere Mensch, der das Werkzeug hätte, um sein Schicksal zu korrigieren. Doch hast du es. Was bringt es, dass du länger leidest?“

Byrons Worte klangen so klar. Und während dieser hinter vorgehaltener Hand sein hämisches Grienen verstecken musste, griff Jonathan wie in Trance nach dem steinernen Dreieck, hängte sich mit seinem vollen Gewicht heran und zog es die komplette Bahn nach unten. Bis es erneut einrastete. Ein Tuten wie aus einem Nebelhorn dröhnte durch den Wald. Gleichauf begann der Boden um Jonathan zu beben. Wie er auf der Steintafel kauerte und seine Mimik immer mehr entgleiste, kam ihm wieder ein Satz in den Sinn, den der echte Byron einst zu ihm gesagt hatte. – „Wenn ich Gott wär; ich würde Engel auf die Erde schicken und sie irgendwann fragen: Wofür lohnt es sich zu leben?“

(Aus der Serie: “Geschichten von der Insel”, 2012)

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