Blutmorgen

Meine teuerste Sirene,

viele Monde sind verstrichen, seitdem wir uns zuletzt sahen, sprachen und gemeinsam an unseren Träumen bauten. So viele wie noch nie seit unserer ersten Begegnung, die ich ohne Dich an meiner Seite zählen musste.

Der Blutmorgen rückt näher und ich weiß schon heute, wenn die Stunde gekommen ist, werde ich wieder hier am Fenster sitzen und auf Dich warten. So wie ich es schon in vielen Nächten nach unserem letzten Aufeinandertreffen getan habe. Vielleicht wird es das letzte Bild von mir auf dieser Welt sein; wie ich in unserer Fensterbucht an dem Klavier sitze, unsere Noten spiele und nach Dir rufe. Denn kein Wunsch, kein Begehren in mir ist größer, als diesem Morgen mit Dir gemeinsam entgegen zu lächeln.

Ich denke gerne an einen Traum zurück, den ich vor langem hatte. Wir waren gefangen in unterschiedlichen Welten, die mit bunter Regelmäßigkeit wechselten, jedoch nie so, dass wir beide uns in ein und derselben befanden. Wir konnten uns zwar nie berühren, aber trotzdem spürten wir einander die Nähe. Durch einen wässrigen Vorhang konnten wir uns sehen, miteinander reden. Deine Stimme klang so vertraut und warm. Und ganz gleich, was ich gerade machte, Du standest immer direkt neben mir und hast mir zugeflüstert. Als ich aufwachte, hatte ich das Gefühl, als wärst Du noch immer da. Es ist dieser kurze Moment, den ich mit meinen Händen umschließen und für immer festhalten möchte.

Wenn der Morgen angebrochen ist, werde ich bereit sein, meine Bestimmung zu erfüllen. Denn nur dafür habe ich mich gewappnet, während ich Dir diese Briefe in Einsamkeit geschrieben und alles zurückgelassen habe, was mir lieb und teuer war. Aber wenn es soweit ist, frage ich mich häufig im Stillen: Was, wenn ich bis dahin vergessen habe, wofür ich überhaupt mit Rüstung und Speer voran in die Schlacht reite?

Es sind Momente wie unsere, die mich hoffen lassen und der glanzvolle Gedanke, dass es von diesen noch unendlich viele geben wird. Auch dann noch, wenn wir gar nicht mehr hier weilen. Sie sind es, die unsere Welt einzigartig machen und für sie werde ich lächeln – bis zu meinem letzten Schlag.

Für sie lohnt es sich.
~ Velvet ~

Die Legende von Tales Port (2008 – 2013)

„Der Boden bebte bedrohlich, jedes Mal, wenn er aufstampfte. Seine Schritte wurden leiser und leiser, bis sie schließlich im Wald verschwanden…“, hämmerte Darren in die Tastatur seines alten Laptops. Nachdem er sich die Sätze minutenlang auf dem Monitor betrachtet hatte, drückte er mehrmals die Backspace-Taste, um aufs Neue los zu grübeln. Darrens Bettzeug lag noch auf der Couch in der kleinen Wohnstube. Er selbst saß an einem runden Ecktisch. Wenn er nach links schaute, konnte er durch das Doppelfenster sehen, wie der Himmel vom dämmernden Morgen in hellrotes Licht getaucht wurde.

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Ein Morgenrot (2008)